Wenn Rentner Rentnern helfen

Klar hat das Parlament gestern Ja zum Modell der Zeitvorsorge gesagt. Es sieht vor, dass Rentner Aufgaben in der Altersbetreuung übernehmen und auf diese Weise Zeitgutschriften für die eigene spätere Betreuung sammeln.

Bemerkung (Ronny): Wieso erst als Rentner - und nur für Rentner? Zeitvorsorge an der Zeitbörse Benevol und mit nur CHF 30.-/Jahr bist du dabei!

RETO VONESCHEN

Mit dem Modell der Zeitvorsorge in der Altersbetreuung betritt die Stadt St. Gallen schweizweit Neuland. Das Projekt sieht vor, dass Personen in der dritten Lebensphase (von der Pensionierung bis in die Siebziger hinein) einfache Aufgaben in der Betreuung von Personen in der vierten Lebensphase (über 80) übernehmen. So sammeln sie bis zu einer definierten Obergrenze Zeitgutschriften für die Betreuung in der eigenen vierten Lebensphase.

Freiwillige anwerben

Ein Ziel der Zeitvorsorge ist, Seniorinnen und Senioren vor dem Wechsel ins Heim den möglichst langen Verbleib in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Was massiv Kosten in der Alterspflege sparen hilft. Mit dem Rentnereinsatz in der Altersbetreuung zu Hause oder im Heim soll zudem der sich abzeichnende Mangel an Fachpersonal etwas kompensiert werden. Und natürlich besteht die Hoffnung, dass Personen, die sich in der Altershilfe engagiert haben, dies freiwillig weiter tun, auch wenn sie die maximal mögliche Zeitgutschrift auf dem Konto haben.

Garantiefonds mit 3,4 Millionen

Die Umsetzung des Konzepts übernimmt eine Stiftung zusammen mit Spitex, Pro Senectute und anderen Organisationen. Am Stiftungskapital beteiligt sich die Stadt mit 30 000 Franken. Ab 2013 erhält die Stiftung einen Beitrag von jährlich 150 000 Franken, in den Aufbaujahren 2013 und 2014 zusätzlich je 75 000 Franken. Als Garantie für jene, die Zeitgutschriften sammeln, und für den Fall, dass später Gutschriften nicht durch andere Rentner «abgearbeitet» werden, wird ein Fonds von 3,4 Millionen Franken eingerichtet. Diese Beträge wurden gestern vom Stadtparlament mit jeweils klaren Mehrheiten gutgeheissen.

«Reine Schwarzmalerei»

Grundsätzlich bekämpft wurde das Zeitvorsorge-Modell von Basil Oberholzer (Junge Grüne), der in den Abstimmungen dann Gesellschaft von einem einzelnen SPler und der SVP erhielt. Oberholzer kritisierte, dass das Modell auf demographischen Annahmen beruhe und wirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt einfach ausklammere.

Die Zeitvorsorge untergrabe den Ruhestand und erhöhe den Druck für ein höheres Pensionsalter. Es sei keine Altersversicherung: Um in den Genuss der Vorteile zu kommen, müsse man fit sein und eine ausreichende Rente haben. Wenn man etwas tun wolle, müsse man echte Verbesserungen in der Altersvorsorge anstreben, forderte Oberholzer.

«Dorf in die Stadt zurückholen»

SVP-Sprecherin Karin Winter lehnte die Zeitvorsorge für ihre Fraktion ab: Das Modell sei keinesfalls nichtmonetär. Man sage nicht aus parteipolitischen Gründen Nein. Man habe vielmehr den Eindruck, dass beim Konzept viel zu viele Fragen offen seien. Die SVP hoffe nach dem Nein auf ein Modell, dass auf Solidarität ohne Profitanreize setze, das quasi die dörfliche Nachbarschaftshilfe in die Stadt zurückhole. Die anderen Fraktionen waren fürs Konzept. Der Grad der Befriedung reichte von euphorisch (der Grünliberale Thomas Brunner sprach gar von einer «Vierten Säule der Altersvorsorge») bis hin zu skeptisch-nüchtern. Die FDP bekämpfte (erfolglos) den Garantiefonds. Albert Rüesch: «Das ist ein Kind unseres krankhaften Sicherheitsdenkens.»

Männer stärker motivieren

Aus allen Fraktionen wurde der Stadtrat aufgefordert, die Lösung offener Fragen kritisch und wachsam anzugehen. Von Dani Weder, Sprecher von Grünen, Grünliberalen und Jungen Grünen, wurde etwa die fehlende Honorierung der Betreuung von Angehörigen gerügt. Daniel Bertoldo sprach Zweifel in der CVP/EVP-Fraktion an: Konkurrenziert die Zeitvorsorge andere Freiwilligenarbeit? Lisa Etter warnte namens der Fraktion von SP, Juso und PFG davor, Zeitvorsorgler für Aufgaben einzusetzen, für die es Fachleute braucht, oder mit ihnen Lohnempfänger zu konkurrenzieren. Sylvia Huber (PFG) verlangte Anreize, um vermehrt Männer für die Altersbetreuung zu gewinnen: Heute sei das die Aufgabe von Frauen, die sehr oft weniger rüstige Partner oder Angehörige pflegten. Fabian Koch (CVP) brachte den (erfolgreichen) Antrag ein, dass der Stadtrat dem Parlament spätestens nach fünf Jahren einen Bericht über Stand und Erfolg des Projektes vorlegen müsse.

Alterspflege: Engpässe absehbar

Der Stadtrat sei sich bewusst, dass bei der Umsetzung des Projektes viele Fragen und Details geklärt werden müssten. Es gebe auch das Risiko, dass das Vorhaben scheitere. Beides habe man nie verheimlicht, sagte Sozialdirektor Nino Cozzio. Anderseits sei die Zeitvorsorge ein Mosaikstein, um sich abzeichnende Probleme in der Altersbetreuung zu entschärfen. Diese Pflege sei halt nun einmal eine Aufgabe der Stadt. Und angesichts demographischer Tatsachen komme man nicht darum herum, Lösungen für Engpässe zu suchen. Dass es daneben weitere Massnahmen brauchen werde, sei aber klar, sagte Cozzio.

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Ronny Lee antwortete auf das Thema: #12 5 Monate 3 Wochen her
Kürzlich wurde bekannt, dass die Zeitbörse - also alle Altersgruppen - auch an der Altersvorsorge teilnehmen könnten. Leider ist die Zeitvorsorge auf die Stadt St. Gallen begrenzt.
Trotzdem - Vorbildlich für die ganze Schweiz!
November 2017:
Teilnehmer der Altersvorsorge können 20 Stunden in die Zeitbörse übertragen und haben so ein Startvolumen von 40 Stunden! Damit können sie von sämtlichen Dienstleistungen der Zeitbörse profitieren!

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